Besprechung Elemente einer Selbstbiographie von Robert Hübner

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Unter Autobiographie versteht man üblicherweise Memorienliteratur, in der sich der Verfasser an wichtige Lebensstationen erinnert. Das trifft hier überhaupt nicht zu. Hübners Elemente einer Selbstbiographie ist eine Sammlung von Texten, die über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten verfaßt wurden.1 Etwa die Hälfte wurde schon veröffentlicht, von denen einige für die Wiedervorlage bearbeitet wurden. Mit Schach haben die wenigsten zu tun, vielmehr finden hier Hübners weitgespannte Interessen als Reisender, Übersetzer aus mehreren Sprachen und altphilologisch geschulter Kommentator der Welt Ausdruck. Jüngeren muß man es vielleicht erklären: Hübner (*) stieß mit der Qualifikation für das Kandidatenturnier, aus dem dann Bobby Fischer schlußendlich als Weltmeister hervorging, in die Weltspitze des Schachs vor. Gleichzeitig verfolgte er auch eine akademische Laufbahn als Altphilologe, wurde Mitte der 70er Jahre mit summa cum laude promoviert und arbeitete dann an der Papyrus-Sammlung der Universität Köln. Er ist Mitherausgeber zweier Bände der Reihe Papyrologica Coloniensia (Ⅶ.1/ und Ⅶ.3/) über griechische Urkunden. Damals galt er als bester Amateurspieler der Welt. Erst als er im Weltmeisterschaftszyklus bis in das Kandidatenfinale vordrang und in der Weltrangliste bis auf Platz drei vorstieß, entschied er sich, Profi zu werden. Eine offenbar geplante Rückkehr in den akademischen Betrieb ist ihm aber nicht gelungen. Hübners Fremdsprachenkenntnisse sind sagenumwoben, allein er hat sich selbst nie darüber geäußert, welche Sprachen er auf welchem Niveau spricht. Daß er reichlich polyglott ist, muß allerdings auch nicht bezweifelt werden. In den 90er Jahren fiel er dann langsam aus der Weltspitze hinaus, intensivierte aber seine publizistische Tätigkeit. Daß Schachgeschichte heutzutage quellenorientiert betrieben wird, ist – neben einigen anderen – auch sein Verdienst. In den 80er Jahren bestand sie noch weitgehend aus der besinnungslosen Repetition der ewiggleichen Anekdoten und autobiographischen Stilisierungen.

Der Titel Elemente einer Selbstbiographie rechtfertigt sich aus Hübners kurzem, als Vorwarnung bezeichnetem Vorwort: Es seien seine eher erfolglosen Bemühungen, in der Welt Halt zu finden. Für Hübner ist das Biographie, für den Leser wohl weniger.

Die Sammlung ist in mehrere thematische Einheiten gegliedert. In der ersten Abteilung Reisebilder finden sich mehrere Stücke, von denen nicht ganz klar ist, ob sie unmittelbar Erlebtes berichten oder idealisierte Skizzen sind. Hübners Bemühungen um sprachliche Präzision vermitteln nicht den Eindruck der Leichtigkeit. In kurzen Texten geht das; einen Roman möchte ich eher nicht in dieser Sprache lesen. Seine Beschreibungen finnischer Wald- und Seelandschaften sind tatsächlich sprachgewordene Landschaftsmalerei und strahlen eine für mich sehr angenehme Ruhe aus.

Die zweite Abteilung Digitales berührt so etwas wie den wunden Punkt des Verfassers, nämlich seinen Unwillen über die Folgen der Digitalisierung. Es beginnt mit einem Text, wo Hübner Opfer einer veritablen Servicekatastrophe bedingt durch Verschiebungen im Flugplan geworden ist. Er deutet das als Figuration des Prokrustes-Mythos, in der der Mensch an die Computer angepaßt wird wie Prokrustes seinen Gästen die aus dem Bett hinausstehenden Gliedmaßen abhackt. Das Problem ist meines Erachtens aber, daß Hübner aus seiner Opferperspektive gar nicht erkennen kann, wo der Fehler ursächlich entstanden ist. Vielleicht lag es an unzureichender Programmierung; sei es, daß es Performance-Probleme gab (leider wird das Datum des Vorfalls nicht mitgeteilt); sei es, daß der Programmierer zu schlecht bezahlt wurde. Vielleicht war aber auch das Personal einfach nur inkompetent; vielleicht war das Regelwerk widersprüchlich. Daß Menschen in Normkonflikten zerrieben werden, ist wahrlich keine Erfindung des Computerzeitalters. Man denke nur an den Hauptmann von Köpenick: ohne Paß keine Wohnung, aber ohne Wohnung auch kein Paß. Oder – ich kann's nicht lassen – an Antigone.

Es folgen dann zwei Texte, deren erster anläßlich des Wettkampfes Kasparov – Deep Blue enstanden ist, in denen die Gefahr thematisiert wird, intellektuelle Prozesse durch computergenerierte Versatzstücke nur vorzutäuschen. In der Postguttenbergära denkt man da sofort an plagiierte Dissertationen, aber einige der prominentesten Fälle (Schavan, Mathiopoulos) sind sicherlich noch auf mechanischen Schreibmaschinen entstanden. Hübners Bemerkung In den Geisteswissenschaften kümmert man sich am liebsten nur noch um statistische Fragestellungen (S. 35) übertreibt eine für die 90er Jahre durchaus richtige Beobachtung. An Dissertationen, die mit Statistiken angefüllt waren, weil dies mit Excel oder SPSS so einfach ging, aber dabei gar keine erkennbare Fragestellung verfolgten, kann ich mich auch noch aus Studienzeiten erinnern. Vermutlich wird es Fehlleistungen dieser Art auch immer geben. Aber Hübners Pessimismus (für vernünftigen Gebrauch sehe ich derzeit keinerlei Anzeichen a. a. o.) wirkt in Kenntnis der heutigen Situation schon ziemlich verfehlt. Einer der wenigen Wachstumsbereiche in den Geisteswissenschaften sind die Digital Humanities, die sich überwiegend mit elektronischer Textedition und -analyse befassen. Diesen ist zu verdanken, daß wir heute über das Internet auf einen ungeheuren Fundus an historischen Quellen bequem zugreifen können. Das soll kein vernünftiger Gebrauch sein? Das Problem ist vielmehr, daß wegen des allgemeinen Raubbaus an den Geisteswissenschaften immer weniger Spezialisten für historische Sprachformen und die sogenannten Hilfswissenschaften wie Paläographie, Sphragistik und Diplomatik existieren, die mit diesem Fundus irgendetwas Sinnvolles anfangen können. Das ist aber eine hauptsächlich haushälterisch bedingte politische Fehlsteuerung.

Sodann folgt noch ein Text über Hübners Wettkampf gegen Fritz in Dortmund , der in einer Generalabrechnung mit dem Computerschach mündet, das Hübner zu Folge völlig nutzlos ist. Aber sein Verdikt Es ist mit stets unverständlich geblieben, warum man so viel Anstrengungen darauf verwandt hat, schachspielende Computerprogramme zu schreiben. (S. 42) verrät die Ziellosigkeit seiner Kritik. Schach hatte in der KI-Forschung nur eine Dummyfunktion, weil es zwei wesentliche Eigenschaften vereinigt:

  1. Es verfügt über ein einfaches, aber vollständiges Regelsystem, daß sich auch auf geringen Ressourcen implementieren läßt.
  2. Als Nullsummenspiel ist die Erfolgskontrolle besonders einfach.

Tatsächlich ist Schach aus Sicht der Künstlichen Intelligenz eine Riesenenttäuschung. Anstatt die hochselektiven Denkmuster des Menschen erfolgreich algorithmisch nachzubilden, beruht das Computerschach bis auf den heutigen Tag auf aufwendig-stupiden Spielbaumsuchen. Die Spielstärkesteigerungen gingen zu einem großen Teil auf das Konto verbesserter Hardware. Und seit Kasparovs Niederlage gegen Deep Blue gibt es aus Sicht der Forschungspolitiker keinen Grund mehr, in ein scheinbar gelöstes Spiel zu investieren.

Es ist nicht so, daß es die von Hübner kritisierten Phänomene nicht gäbe, ganz im Gegenteil. Aber er verbeißt sich in die unvermeidlichen Irrtümer und Fehlfunktionen einer Pionierphase, ohne Chancen und Risiken dabei vernünftig abwägen zu können. Als die erste Eisenbahn fuhr, warnten Ärzte vor Lungenentzündungen und Geisteskrankheiten. Obwohl ersteres vielleicht nicht einmal völlig falsch ist, setzt Fortschritt möglicherweise eine gewisse Ignoranz gegenüber solchen Einwänden voraus. Und die schlimmen Bedrohungen der Freiheit durch die Ausspähung persönlicher Daten, sei durch staatliche oder private Stellen, hat Hübner in den hier vorgelegten Texten überhaupt noch nicht im Blick.

Die dritte Abteilung Gesellschaftliches beginnt mit zwei kurzen Erzählungen über die Fragwürdigkeit von Macht. Dann folgt ein Text über die Willkür der Dopingkontrollen. Daß Doping im Schach völlig sinnlos ist, unterliegt wohl keinerlei Zweifel. Ich stimme Hübner auch zu, daß Schach kein Sport ist. In der Sportförderung sind wir m. E. historisch nur zufällig gelandet, weil wir sehr früh einen sportanalogen Wettkampfbetrieb aufgebaut haben. Wie sehr wir aber davon profitieren, sieht man spätestens dann, wenn man uns, wie kürzlich angedroht, diese Förderung streichen will. Mit den gebeutelten Theatern, Museen und Denkmalämtern um die Ausschüttungen der klammen Kulturfördertöpfe streiten – das können wir nicht ernsthaft wollen. Insofern habe ich Verständnis dafür, daß bei den zuständigen Funktionären eine Augen zu und durch-Mentalität herrscht. Hübners Ausführungen zu den tiefen Eingriffen des Dopingkontrollregimes in die private Lebensführung treffen auf Kraft- und Ausdauersportler genauso zu. Will er dort eigentlich auch die Kontrollen abschaffen, oder ist die Funktionsfähigkeit ein rechtfertigender Grund?

Als letzten Text dieser Abteilung gibt es einen an der Universität Salzburg gehaltenen Vortrag über das Ichgefühl in den homerischen Epen mit eigenen Übersetzungen der exemplarischen Textstellen. Für mich einer der beiden interessantesten Texte in dem Buch. Ich finde das intellektuell schon recht leichtfüßig, wie er die Relevanz der Epen für heutige Menschen demonstriert, ohne dafür in zwanghaft wirkende Analogien verfallen zu müssen.

Die vierte Abteilung ist Sprache und Verständigung betitelt. Nach einem amüsanten Text über einen Gelehrten, der Tieren das Sprechen beigebracht hat, und einem Dialog aus einem Reisebüro kommt der zweite Höhepunkt des Buches, ein Vortrag über die Übersetzung eines satirischen Gedichtes des finnischen Schriftstellers Lauri Viita. Zwar habe ich selber noch nie versucht, Lyrik zu übersetzen (lediglich wissenschaftliche Texte), aber als Bewunderer des viktorianischen Wortakrobaten William Schwenck Gilbert sind mir die Schwierigkeiten geläufig, die sich unter anderem daraus ergeben, daß man bei Libretti das Metrum nicht ändern kann. Hübner präsentiert zwei Fassungen des Gedichts, einmal in den originalen, aber im Deutschen sehr hart klingenden Trochäen und einmal in den weicheren Jamben. In der Abteilung folgt dann noch eine sprachkritische Analyse einer Formulierung von Heidegger.

Die fünfte Abteilung heißt Angst und besteht aus zwei Texten. Zunächst einer Phantasie, in der sich Personen in einem Turniersaal nach und nach in Eichhörnchen verwandeln. Der zweite entstand anläßlich des Wettkampfes Kasparov – Deep Junior und variiert nochmal das Motiv des den Maschinen unterworfenen Menschen.

Die sechste und letzte Abteilung Erkenntnisgrenzen beginnt mit einem Text, der den Topos von der Verdoppelung des Wissens in jeweils fünf Jahren entlarvt, weil es dem Begriff des Wissens entschieden an Quantifizierbarkeit fehlt. Das Buch beschließt ein Universitätsvortrag über Natur- und Geisteswissenschaften, indem sich auch die einzige Abbildung des ganzen Buches befindet.

Es ist schon recht beeindruckend, mit was sich Hübner so alles befaßt hat. Dabei strebt das Buch keineswegs nach Repräsentanz. Von seiner bekannten, jahrelangen Beschäftigung mit dem Chinesischen findet sich nicht eine Spur. Wenn man sich aber fragt, wer die Zielgruppe dieses Buches sei, kommt man wohl nur auf die Hübner-Fans unter den Schachspielern. Nicht zuletzt ist das Buch in einem Nischenverlag erschienen, der ausschließlich Schachspieler mit Literatur versorgt. Auch verzichtet es auf ein Vor- oder Nachwort des Verlegers oder eines Vertrauten. Hübners Texte haben mitunter sehr gespaltene Leserreaktionen hervorgerufen. Manch einer fühlte sich von seinem akademischen Habitus ziemlich überfordert. Andere fanden es wohltuend, endlich einmal ordentlich reflektierte und bequellte Texte in einer Schachzeitschrift zu lesen. Wer zur letzteren Gruppe zählt, ist hier für 20,-- € mit festem Einband gut bedient.


Anmerkungen

1: Elemente einer Selbstbiographie. Berlin: Edition Marco / Verlag Arno Nickel , 145 S., ISBN 9783924833688

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