Die Ausstellung Gegenwelten in Hildesheim

()

Das Roemer- und Pelizäus-Museum Hildesheim macht bis zum mit der Ausstellung Gegenwelten. Die unsichtbare Seite der Dinge das Museum selbst zum Gegenstand einer Ausstellung (Selbstreferentialität, um es mit einem bombastischen Fachwort zu sagen). Der Titel ist beinahe irreführend, denn es wird nicht die unsichtbare Seite von Objekten, sondern die unsichtbare Seite einer Museumssammlung gezeigt. Mit der Gegenwelt ist das Magazin des Museums samt der Restaurationswerkstatt gemeint, das einen Kontrast zu den Schauräumen bildet. Anhand von Exponaten der ethnologischen Sammlung wird die Hintergrundarbeit im Museum veranschaulicht. Es handelt sich nur um eine kleine Ausstellung, die im Rahmen von Lehrveranstaltungen an der Universität Hildesheim enstanden ist und sich vorwiegend an Laien richtet, die noch nie in den Arbeitsräumen von Museen zu tun hatten. Für diese ist sie sicher interessant und empfehlenswert.

Gegliedert ist sie in drei Räume. In den Objekt-Welten sind eine Reihe von Exponaten nach Gegensatzpaaren wie groß und klein oder fragil und robust angeordnet. Das wirkt recht ekklektizistisch und dient wohl eher der Einstimmung als daß sich ein tieferer Sinn ergäbe. Der Hinweis, daß die im Museum erzählte Geschichte eines Objektes nur eine von vielen möglichen ist, finde ich für ein Laienpublikum problematisch. Natürlich wissen Fachleute um die doppelte Historizität historischer Narrative, weil nicht nur das Objekt selbst, sondern auch die dazu produzierten Erzählungen historisch bedingt sind. Aber wissenschaftlich generierte Narrative müssen dem Anspruch genügen, an den Forschungsstand zurückgekoppelt zu sein. Bei einem Laien kann schnell der Eindruck entstehen, es sei gleichgültig, welche Geschichte erzählt würde. Das ist eindeutig nicht der Fall.

Im Raum Objekt-Wandel wird die Arbeit im Museum näher erläutert. Man kann Bilder von historischen Ausstellungsräumen sehen. Es werden einige Objekte gezeigt, auf denen die Inventarnummern früher irritierenderweise auf verzierten Schauseiten auflackiert wurden. Dann kann man Inventarkarten und Zustandsprotokolle für die Ausleihe in Austellungen bewundern und Bilder von den Magazinen. Ein Film stellt die Arbeit einer Restauratorin vor, die eine von Mottenfraß befallene Figur behandelt. Schließlich gibt es ein interessantes Gewinnspiel: Man soll für ein beliebiges Objekt in der Austellung eine Inventarkarte ausfüllen.

Am interessantesten ist der dritte Raum Objekt-Reisen. Dort werden die Erwerbungsgeschichten thematisiert. Das Roemer- und Pelizäus-Museum ist eine bürgerliche Gründung, realisiert durch den an Geologie und Denkmalpflege interessierten Hildesheimer Juristen Hermann Roemer. Demzufolge kann sich das Museum nicht auf Sammlungen aus fürstlichen Kunstkammern und Kuriositätenkabinetten stützen, wie das in den Landesmuseen der Fall ist. Die Sammlungen mußten also erworben werden. Dies konnte durch Bürger geschehen, die lange beruflich im Ausland waren, z. B. als Diplomaten. Der Grundstock der umfangreichen Sammlung chinesischen Porzellans in Hildesheim stammt von Eugen Ohlmer, der als Schiffbrüchiger nach China kam und dort dann lange Zeit in der Zollverwaltung arbeitete. Karl Helbig heuerte auf Schiffen als Heizer an, um Reisen nach Indonesien und Mittelamerika zu realisieren, die er dann sowohl wissenschaftlich wie journalistisch verarbeitete. Dafür war ihm eher an umfangreichen Dokumentationen als an Objektsammlungen gelegen, und man kann seine Ausrüstung und seine akribisch beschrifteten Fotomappen bewundern. Es wurden aber auch regelrechte Einkaufstouren bei indigenen Völkern durchgeführt.

Die Begleitbroschüre gibt es auch zum Download, was sehr zu begrüßen ist. Eigentlich ist es ja sinnvoll, ausstellungsbegleitende Publikationen vor dem Besuch zu lesen und nicht erst hinterher.

Es lohnt sich sicher nicht, eigens zu dieser Ausstellung nach Hildesheim zu fahren, aber wenn man schon mal da ist, sollte man sie ruhig mitnehmen.

Wörter, ≈ Zeichen
Google Maps