Vorbemerkung zur Publikation

Text eines Referats aus dem Seminar Der Tempel im Alten Orient Ⅰ unter Leitung von Uwe Finkbeiner und Beate Pongratz-Leisten im Wintersemester / am damaligen Altorientalischen Seminar der Universität Tübingen.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

In diesem Referat sollen zwei Disziplinen vorgestellt werden, mit deren Hilfe religiöses Quellenmaterial ausgewertet werden kann. In diesem Rahmen ist besonders darauf zu achten, wie diese Disziplinen in einer Altertumswissenschaft angewandt werden können, da sich rezente Quellen von antiken oder historischen Quellen durch ihr weiteres Methodenspektrum unterscheiden.

Um ein Ergebnis meiner Bemühungen vorwegzunehmen, sei gesagt, daß die Abhängigkeit von einer nicht mehr zu beeinflußenden Quellenüberlieferung die Entwicklung stereotyper Verfahrensweisen sehr erschwert. Vieles von dem hier Vorgestellten erschöpft sich in einer fast enzyklopädisch anmutenden Sammlung von Denkanstößen, auf deren Relevanz die zur Verfügung stehenden Quellen geprüft werden können. Der Auswahlcharakter historischer Quellen beschränkt aber in vielen Fällen die Arbeitsbasis, einige der typischen Methoden der hier vorgestellten Disziplinen dienen sogar der Gewinnung spezifischer Quellen. Auch im Gegenwartsbezug können die Religionsgeographie und die Religionsästhetik keine Gesetze aufstellen, jedenfalls ist mir kein solches bekannt geworden. Auch im Gegenwartsbezug können sie nur beschreiben und erklären, nicht jedoch fehlende Quellen ersetzen. Dies erscheint mir insofern bemerkenswert, da die Religionsgeographie zur nomothetischen Allgemeinen Geographie gehört und nicht zur ideographischen Regionalen Geographie (obwohl sie natürlich auch als Regionale Religonsgeographie betrieben werden kann). M. E. muß hier allerdings die Stellung der beiden Disziplinen innerhalb der Wissenschaften nicht näher untersucht werden. Jedenfalls ist zu bemerken, daß in den jeweiligen Einführungen der sammelnde Teil einen breiten Raum einnimmt.

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Religionsgeographie

Einleitung

Die Religionsgeographie ist eine recht junge Disziplin, deren systematische Anfänge erst nach dem zweiten Weltkrieg zu suchen sind. Der Versuch, kulturelle und dabei auch und besonders religiöse Entwicklungen raumgebunden zu erklären, ist zwar schon sehr viel früher aufgetaucht, aber die Ausprägung einer wissenschaftlichen Religionsgeographie ist dabei nicht unternommen worden. Das junge Alter der Religionsgeographie ist vermutlich mit dafür verantwortlich, daß man noch auf verschiedene Vorstellungen über ihr Arbeitsgebiet treffen kann. Im Gegensatz zu der Vorstellung, daß die Religionsgeographie nur die raumprägenden Einflüsse der Religionen zu betrachten hätte, scheint mir die umfassendere der Untersuchung der Wechselwirkungen von Raum und Religion tendenziell relevanter zu sein. Es ist zwar so, daß es einige Geographen ablehnen, religiöse Elemente geographisch erklären zu wollen, aber dahinter steckt eventuell ein großes Unverständnis an Systematik und Ordnung gewohnter Wissenschaftler für völlig diffus ablaufende Vorgänge, die unten näher untersucht werden sollen.

Ein weiteres Problem der Religionsgeographie ist die Grenzziehung gegenüber ihren Nachbardisziplinen (wie z. B. der Sozialgeographie). Jede menschliche Handlung kann religiöse Grundlagen oder Elemente aufweisen. Eine religiöse Ethik z. B. wird vor allem Handlungen beeinflussen, die nicht im Kult zu suchen sind. Die Regelung des menschlichen Zusammenlebens ist ein praktisch unbegrenztes Gebiet. Auch eine religiöse Einmischung oder gar Beschlagnahme nichtreligiöser Gebiete kann erfolgen, man denke z. B. daran, daß die Evangelische Kirche jetzt Umweltpfarrer benennt, oder daß die Katholische Kirche ihren Standpunkt zum Abtreibungsrecht strafrechtlich dogmatisiert sehen möchte und damit ein nicht-katholisches Organ und eine nicht-katholische Zielgruppe beansprucht. Diese Beispiele illustrieren, daß eine exakte Trennung religiöser Faktoren von sozialen oder kulturellen Faktoren kaum möglich ist. Eine Grenzziehung kann immer nur im konkreten Einzelfall erfolgen, sofern sie überhaupt möglich ist.

An dieser Stelle muß noch eine grundlegende Betrachtung eines wichtigen Begriffes erfolgen. Die Betrachtung räumlicher Bezüge und Wechselwirkungen zur Religion setzt eine Definition des Raumbegriffes voraus, jedenfalls soweit er das zu besprechende Arbeitsgebiet betrifft. Ein Raum erschöpft sich nicht in einer Abgrenzung physischer und biotischer Faktoren wie Berge, Flüsse, Wälder oder Wiesen. Ein Raum beinhaltet auch soziale Faktoren durch seine menschlichen Bewohner. Ein Raumbezug muß also kein direkter Landschaftsbezug sein. Im Diercke-Wörterbuch wird der sozialgeographische Raumbegriff wie folgt definiert:

In der Sozialgeographie wird als Raum das durch gleichartige raumrelevante Verhaltensweisen menschlicher Gruppen und durch die Standorte für die Ausübung ihrer Grunddaseinsfunktionen geschaffene System verstanden. Der Raum umfaßt somit ein durch Funktionsstandorte markiertes Bezugssystem sozialen Handelns, das bei der Ausübung der Grunddaseinsfunktionen gesellschaftlicher Existenz entsteht; er ist in seinen Dimensionen veränderlich und abhängig von den Verhaltensweisen, Reichweiten und Funktionsfeldern der in ihm agierenden sozialgeographischen Gruppen.

Diese Definition soll durch ein Beispiel illustriert werden: einen sozialgeographischen Raum stellt z. B. die Stadt Tübingen dar. Die Gruppe ihrer Bewohner hat ein gleichartiges raumrelevantes Verhalten, das insbesondere durch behördliche Vorgaben bestimmt wird, z. B. Baulandausweisung, Baugenehmigungsverfahren, aber auch die Müllabfuhr. Die Standorte der Grunddaseinsfunktionen sind die Wohnplätze (z. B. Wohnhäuser, Studentenheime), Arbeitsplätze (z. B. Fabriken), Versorgungsplätze (z. B. Geschäfte), Bildungsplätze (z. B. Schulen) und Freizeitplätze (z. B. Parkanlagen). Der Raum ist das sich in der Landschaft manifestierende soziale Gefüge, nicht aber die Landschaft selbst.

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Die Verbreitung von Religionen

Die Verbreitung von Religionen stellt in der Religionsgeographie den ersten Untersuchungsschritt dar, da eine Untersuchung von Umweltabhängigkeit und Umweltprägung der Religionen sinnvollerweise auf dieser Vorarbeit basieren muß. Um aber die Verbreitung von Religionen untersuchen zu können muß man das religionstragende Medium, also den Menschen, erforschen, und damit beginnen auch die Probleme. Die Anhängerschaften von Religionen stellen nur allzu oft keine militärisch geschlossenen Formationen dar, sondern äußerst heterogene Gruppen. Wer z. B. ist in Deutschland katholisch? Derjenige, der Kirchensteuern bezahlt? Oder nur derjenige, der regelmäßig zur Kirche geht? Oder gar nur derjenige, der die kirchlichen Maßgaben z. B. bezüglich der Sexualethik auch befolgt? Und dann die internationale Dimension: ist ein Priester der von Rom akzeptierten Melkiten wirklich katholisch, obwohl er doch heiraten darf? Der römisch-katholische Zentralismus hat nicht verhindern können, daß jemand, der eine katholische Population untersuchen möchte, diese Fragen beantworten müßte. Ist sich der Religionsgeograph nun über die Kriterien, die er für seine Daten anlegen will, im Klaren, so muß er sie erheben. Hierfür stehen ihm verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Zuerst wären da die Schriftquellen und die psychometrischen Verfahren (z. B. Befragungen).

Hier ist es jetzt Zeit, sich zu erinnern, daß in diesem Referat Grundlagen für eine Anwendung in den Altertumswissenschaften geschaffen werden sollen. Für die psychometrischen Verfahren bedeutet daß eine vollständige Irrelevanz, und damit fällt die wichtigste Methode zur religionsgeographischen Datenerhebung aus. Auch Schriftquellen sind nur in einem modernen Verhältnissen nicht entsprechenden Umfang vorhanden. Hier muß genau geprüft werden, für welche Aussagen sich die Quellen eignen. Eine denkbare Frage wäre z. B. die, ob neben der offiziellen Religon auch eine Art Volksfrömmigkeit der ländlichen Bevölkerung überliefert ist.

Wie steht es mit den archäologischen Quellen zu Fragen der Datenerhenbung? Dazu ist zu bemerken, daß die Historische Geographie, also der Zweig der Geographie, der sich mit der Geographie historischer Zeiten befaßt, sich als philologische Wissenschaft versteht. Der Prähistoriker Jahnkuhn schreibt über die Siedlungsgeographie, daß sie dort anfinge, wo die Siedlungsarchäologie aufhört. Der Prähistoriker Müller-Karpe betont, daß die Historische Geographie der Archäologie nur Anregungen, aber keine Lösungsmöglichkeiten zu liefern vermag. Der Grund ist darin zu suchen, daß durch Archäologie allein keine für geographische Zwecke ausreichende Datenbasis eruiert werden kann. Im konkreten Fall ist im Alten Orient die Möglichkeit gegeben, die philologische Datenbasis eventuell aufzubessern. Davon bleibt unberührt, daß man auch archäologische Quellen raumbezogen auswerten kann, bzw. ggf. sogar muß.

Zurück zu Datenerhebung. Eine geographische Untersuchung muß ihren Raum abstecken, den sie untersuchen will. Es mag vielleicht zunächst überraschen, daß dieser Raum so klein wie nur möglich gewählt werden sollte. Der Sinn ist aber der, daß Datenerhebungen genauer durchgefühert werden können und kleine Räume das Generalisieren ersparen. Generalisieren ist das Zusammenfassen von Daten (z. B. von evangelisch und katholisch zu christlich) Diese Generalisierung drückt sich im Kartenbild durch die Benutzung von Symbolen (z. B. Kreise für Städte) an Stelle einer maßstabsgerechten Projektion aus.

Die Kartierung stellt den nächsten Arbeitsschritt dar. Ziel einer Kartierung ist es, die Karten mit anderen Karten zur Deckung zu bringen um so Zusammenhänge erkennen zu können. Solche augenfällig gemachten Zusammenhänge müßten dann allerdings noch erklärt werden, was auch zur Aufgabe des Geographen gehört.

In diesen Datenerhebungen sollen gruppenimmante Denkklischees gesucht werden. Ein Beispiel dafür sind sogenannte mental maps, also irreale Raumvorstellungen von Personen. Michalowski führt in einem Artikel aus, daß in Babylonien die Landesbezeichnung subir oder subartu mit verschiedenen regionalen Differenzierungen als Bezeichnung für Länder im Norden vorkommt, deren genauere Lage sowohl im Nordosten wie auch im Nordwesten gesucht werden kann.

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Umweltgestaltung

Der Mensch greift spätestens seit er seßhaft geworden ist in die Landschaft ein und verändert sie. Dabei kommt eine sogenannte Kulturlandschaft heraus, im Gegensatz zur Naturlandschaft. Diese Kulturlandschaft kann auch durch religiöses Handeln geprägt werden. Zunächst ist da das direkte Eingreifen, z. B. durch die Errichtung von Sakralbauten. Der Bau verändert, für jeden sichtbar, die Landschaft. Aber es können noch weitere Landschaftsveränderungen geschehen, die durchaus ohne anthropogene Veränderungen eines Platzes einsetzen können (etwa wenn eine Quelle als heilig angesehen wird). Der Bau muß erreichbar sein, sei es für sonntäglichen Pendelverkehr oder von weiter Ferne anreisende Pilger. Eine Zufahrtsstaße und Stellplätze müssen gebaut werden. Die Pilger müssen versorgt werden, es werden Herbergen gebaut. Der Ort wächst, es entwickelt sich eine Infrastruktur. Mit dieser vereinfachten Kausalkette sie die Möglichkeit tiefgreifender Raumveränderungen illustriert. Die Urbanisierung des Ortes ist zwar kein religiöser Vorgang, aber ein religionsgeographischer Untersuchungsgegenstand, da die Religion die wirtschaftlichen Grundlagen liefert. In griechischen Andenkenläden sind z. B. kleine Souvenirikonen sehr häufig zu sehen, ebenso wie in Rom Postkarten mit dem päpstlichen Konterfei. In solchen Mengen muß das durch eine entsprechende Industrie erst einmal produziert werden.

Religion kann die Wirtschaft aber auch durch Ge- und Verbote beeinflussen, z. B. können sich Ernäh-rungsgebote selektiv auf die Nahrungsmittelproduktion auswirken, oder sexualethische Bestimmungen auf die Bevölkerungsentwicklung. Auch dieses Problem ist ja bezüglich der katholischen Dritte-Welt-Länder in der aktuellen Diskussion. Hier läßt sich allerdings auch zeigen, daß Kausalketten vollständig geschlossen werden müssen. Es wäre erst einmal zu Erweisen, daß die Bevölkerungsexplosion nicht vielmehr mit Analphabetismus und fehlender Sozialversicherung ursächlich verknüpft ist, da z. B. China, das Geburten von Staats wegen bis zur Zwangsabtreibung bekämpft, ebenfalls unter einer Bevölkerungsexplosion leidet. Daher auch die oben erwähnte Forderung an den Geographen, die Ereignisse nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu erklären.

Ein weiteres wichtiges Problem der Umweltprägung sind religiöse Fluchtbewegungen. Die Vertreibung der Juden verbreitete diese über ganz Europa, ihre Rückkehr löste ebenfalls Bevölkerungsverschiebungen aus. An solchen Verschiebungen hängen sehr viele andere Fragestellungen sozialer, wirtschaftlicher und politischer Natur. Die Rückkehr der Juden nach Israel hat die Region sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht stark verändert und auch landschaftliche Veränderungen in Form europäischer Wirtschafts- und Kulturelemente sowie militärischer Eingriffe zahlreich gezeitigt.

Cancik hat der religiös gestalteten bzw. genutzten Kulturlandschaft einen Namen gegeben: sacred landscape. Als solche bezeichnet er den Kontext von Symbolen und Zeichen, die in der Landschaft angebracht sind, von Routen, Wegen und Ritualen, mit denen sie verknüpft werden. Für diese sacred landscape stellt er zwei antithetische Eigenarten fest:

  1. Eine sacred landscape hat ein aus historischen und sozialen Kräften gewachsenes Konzept. Diese Konzeption ist aus verschiedenen Gründen veränderbar. Ein Beispiel von ganz besonderem Pragmatismus ist in der nepalesischen Stadt Bahktapur zu finden: Dort wurden im 18. Jahrhundert auf einem Platz in der Stadt vier Tempel gebaut und nach den Tempeln in den vier Ecken Indiens benannt. Auf diese weise konnte man den Weg der Pilger auf wenige Minuten verkürzen, ohne dabei einen spirituellen Verlust zu erleiden.
  2. Obohl dieses Konzept der sacred landscape veränderbar ist, ist es doch ein eher konservatives Element, da die religiöse Entwicklung technologischen u. a. Entwicklungen gegenüber meist etwas zurückbleibt. Überliefert ist aus Rom, daß ein Tempel niedriger als gewöhnlich gebaut werden und ein Haus ganz abgerissen werden mußte, weil sie die Sicht von Auguren behinderten.

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Umweltabhängigkeit

Die Religionen können durch ihre geographische Umgebung Elemente in sich aufgenommen haben, die sich aus dieser Umgebung herleiten lassen. Diese Umgebung kann sowohl die physisch-geographische als auch die kulturgeographische Umgebung meinen. Wie kann man nun einen kulturgeographischen von einem z. B. religionssoziologischen Untersuchungsgegenstand trennen? Soll ein kultureller Raumbezug vorliegen, muß dieser eine eine Entfernungs- oder Richtungsabhängigkeit in sich tragen. Auch hier wieder ein Beispiel: Die evangelische Kirchengemeinde von Vellmar-West in der Nähe von Kassel liegt in einem Gebiet, das architektonisch in zwei Teile gegliedert ist. Der eine besteht aus Block- und Hochhäusern, der andere aus Reihenhäusern und Eigenheimen. Auffällig ist, daß es der Gemeinde in ihrem ca. 20-jährigen Bestehen nicht gelungen ist, mangels Kandidaten einen Kirchenvorsteher aus dem bevölkerungsreicheren Block- und Hochhausvierteln zu wählen. Obwohl auch in dem Eigenheimviertel Kirchgänger eher die Ausnahme sind, scheint hier eine soziale Athmosphäre zu herrschen, die ein solches Engagement eher begünstigt (aus welchen Gründen auch immer das geschehen mag). Hier kann dieses günstige soziale Umfeld geographisch definiert werden.

Zu warnen ist hier vor einer schematischen Umsetzung geographischer Faktoren in religiöses Verhalten. Die Wahrnehmung geographischer Faktoren verläuft nämlich äußerst selektiv. So kann z. B. ein Umfeld idealisiert wahrgenommen werden. Ein gutes Beispiel stellen die Mandalas der Bramahnen dar, die die Topographie von Kultstätten in geordnete Systeme übertragen wollen, da sie sich hiervon eine Art kosmische Energie versprechen. Die Ordnung dieser Mandalas wird von den Bramahnen erfunden, sie ist nicht wirklich im Stadtbild vorhanden.

Die Mobilität von Glaubensgemeinschaften, insbesondere durch Flucht, kann ohne Veränderung geographisch zu erklärender Verhaltensweisen die geographische Umgebung verändern. Ein Beispiel dafür ist das jüdische Sukkot-Fest, das Laubhüttenfest. Dieses Fest wird zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten und die Wanderung durch die Wüste gefeiert, als die Juden in Hütten leben mußten. Dieses Fest hat sich im jüdischen Festkalender als eines der drei Hauptfeste bewahrt, obwohl die meisten Juden fast 2000 Jahre keinen geographischen Bezug mehr zur Wüste hatten. Würde die schriftliche Überlieferung erst später einsetzen, wäre dieses Fest äußerst rätselhaft.

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Religionsästhetik

Einleitung

Der Begriff der Ästhetik stammt von Alexander Gottlieb Baumgarten (), der damit die Wissenschaft von den Sinneswahrnehmungen, dem Gedächtnis, der Schönheit und der Kunst definierte. Analog dazu wurde in jüngerer Zeit der Begriff Religionsästhetik für die Beschreibung und Untersuchung dessen, was Religion erfahrbar macht und zu diesem Zwecke die menschlichen Sinne aktiviert, geprägt. Daraus ergeben sich folgende Untersuchungsgegenstände:

  • die religiöse Kommunikation selbst, die sich in Handlungen und Zeichen vollzieht.
  • der Wahrnehmungsprozeß, der über die Sinne läuft, die durch das Fehlen oder Vorhandensein der obengenannten Reize aktiviert werden.
  • die Verarbeitung des Wahrgenommenen, die sich in Reaktionen ausdrückt.

Cancik und Mohr definieren einige Gemeinsamkeiten für die ästhetische und religiöse Kommunikation:

  • es überwiegt die non-verbale Kommunikation.
  • die Kommunikationshandlungen dienen keinem unmittelbaren Zweck.
  • das Verständnis einer Kommunikationshandlung ist für viele Personen möglich.
  • eine Handlung ist zwar durch eine Art heimliches Drehbuch wiederholbar, aber prinzipiell einmalig.

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Kunst und Religion

Von besonderem Interesse ist für die Religionsästhtik das Verhältnis von Kunst zu Religion. Für die moderne Welt kommen grundsätzlich vier Modelle in Frage, die insbesondere den Status des Künstlers betreffen.

  • Kunst in der Religion: unter diesem Begriff subsummiert man die Kunst, die direkt mit der Kultausübung in Zusammenhang steht (z. B. Kultgerät, Ikonen, Sakralarchitektur).
  • Kunst neben der Religion: die Kunst ist ein eigener gesellschaftlicher Sektor wie Bildung oder Religion auch. Es herrscht hierbei keine strikte Trennung, da die Religion als Auftraggeber fungieren kann.
  • Kunst statt Religion: in diesem Fall wird der Künstler für eine bestimmte Gruppe zum Genie und Schöpfer, damit dringt er in religiöse Kategorien ein und verdrängt diese eventuell.
  • Kunst aus Religion: hier wird die Religion als Ursprung der Kunst angenommen, religiöse Werte und Normen können ohne religiösen Hintergrund tradiert werden.
  • Für die Entstehung und Entwicklung eines Kunstwerkes ist die Position des Künstlers von entscheidender Bedeutung. Bei der Herstellung von Sakralkunst hat der Künstler viel weniger Entfaltungsmöglichkeiten als bei der l'art pour l'art Produktion.

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Definition von Zeichen

Religiöse Zeichen sind Symbole, die auf Grundlage und für die jeweilige Religion definiert worden sind. Sie sind, im Lauf der Geschichte gewachsen, eine kulturelle Konvention, die nur dem, der diese Konvention kennt, zugänglich sind.

Diese Zeichen stellen Vereinfachungen für die eingeweihten Personen dar, hinter denen sich eventuell riesige Bedeutungskontexte verbergen können (man denke nur an die simplen Zeichen Kreuz und Halbmond und welch riesige Bedeutungskontexte damit verbunden werden können). Solchen Vereinfachungen sind keine formalen Grenzen gesetzt. Man kann z. B. die Götter ikonisch durch Statuen oder anikonisch repräsentieren. In Nepal genügen z. T. einfache Steine, um Muttergottheiten zu repräsentieren (die gleichzeitig an anderer Stelle auch noch ikonisch repräsentiert werden). Im Christentum, das seinen Gott nicht darstellen darf, sind ikonische Repräsentanten bekannt, die dann auch recht ausgiebig als Ansprechpartner genutzt werden (wundertätige Ikonen, Marienkult etc.).

Die Heiligkeit eines Zeichens ergibt sich aus einem geschichtlichen Kontext. Ein Zeichen kann z. B. eine Erinnerung erhalten an etwas, was nicht mehr im Bewußtsein ist. In Bhaktapur gibt es Prozessionen über Wege, die nicht mehr existieren und jedes Jahr vor der Prozession erst geräumt werden müssen. Eine andere mögliche Funktion ist die Stellvertreterfunktion, wie sie bei Götterbildern, die angebetet werden, vorkommt. Für die Fragen des Altorientalisten ist es entscheidend, daß zwischen dem Zeichen und seiner Form kein Zusammenhang bestehen muß. Somit ist es unmöglich, Zeichen durch formale Verfahren zu entschlüsseln. Auch hier gilt wieder, daß ein Zeichen nur dechiffriert werden kann, wenn entsprechende (philologische) Quellen vorhanden sind. Durch die Möglichkeit eines gleichzeitigen Vorhandenseins verschiedener Zeichentypen innerhalb einer Kultur und z. T. sogar für dieselbe Bedeutung (an die nepalesischen Muttergottheiten sei hier erinnert) wird die Anwendung stereotyper Verfahrensweisen der Entschlüsselung verunmöglicht.

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Wahrnehmung von Zeichen

Zum Abschluß dieses Referates soll noch kurz auf die biologischen und psychologischen Grundlagen der Ästhetik eingegangen werden.

Das Vehikel zur Aufnahme von Reizen sind die Sinne (also z. B. Geruch, Geschmack), die Informationen werden von den Nerven durch elektrische und chemische Impulse transportiert.

Genau wie die Zeichen sind Werte und Vorstellungen kulturell determiniert und daher von ästhetischem Interesse, da sie wandelbar sind. Zu Lernzwecken können Sinne auch vorsätzlich aktiviert werden, schlimmstenfalls durch Körperstrafen. Das bekannteste Beispiel ist der Pavlovsche Versuch, wo eine Reaktion (Speichelfluß) im Rahmen eines Triebes (Hunger) durch einen erlernten Reiz ausgelöst wird. Zwei Sachverhalte sind hierbei besonders bemerkenswert: einerseits besteht zwischen dem Zeichen (Ton) und seinem Bedeutungskontext (Futter) kein innerer Zusammenhang; andererseits ist diese kulturelle Zeichendetermination offenbar bis zu einem gewissen Grad sogar bei kulturlosen Tieren möglich.

Eine Umwertung des Symbolgehaltes ist auch bei dem Sexualsymbol unserer Zeit zu bemerken. So unterliegt die Brustgröße modischen Einflüssen, was sich in Filmbesetzungen, Modeschauen oder plastischen Operationen wie Silikonimplantationen bemerkbar macht. Auch die Tatsache, daß Hildegard Knef Anfang der 50er Jahre die Kinos mit einem 15-sekündigen Blick auf ihre Brust füllen konnte, ein Vorgang, der so heute nicht zu wiederholen ist, zeigt einen Wertewandel auf.

Bei diesen Reizen handelt es sich um die non-verbale Kommunikation, die die verbale unterstützt oder selbsständig ist. Der wichtigste Bereich dieser non-verbalen Kommunikation ist die Körpersprache (also Gestik und Mimik), die durch Körperteile oder den ganzen Körper, der durch Verstümmelung, Tätowierung oder Kosmetik manipulierbar ist, geäußert wird. Auch diese Körpersprache unterliegt kultureller Konvention. Zwar lachen auch taubblinde Personen, aber ob beim Lachen die obere Zahnreihe entblößt wird, ist eine Frage erlernten Verhaltens.

Zuletzt möchte ich darauf hinweisen, daß das Definieren von Symbolen durch bestimmte körperliche Eigenarten konventionslos beeinflußt werden kann. Ein Beispiel dafür ist die chromatische Aberration. Das die Farbe rot für ein Symbol gewählt wird, kann neben kulturellen Gründen auch den haben, daß rot durch einen Konstrukionsfehler im Auge als näher empfunden wird als andere Farben. Es ist so, daß Spektralfarben von Linsen in unterschiedlichen Winkeln gebrochen werden. Da rot stärker gebrochen wird als andere Farben, rückt es gegenüber diesen in die Bildmitte und wird so als näher empfunden.

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Literatur:
: Rome as Sacred Landscape. In: Visible Religion Ⅳ–Ⅴ, , S. 250–261
, : Lemma Religionsästhetik. In: Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe Ⅰ, S. 121–156
: Stadtraum und Ritual der newarischen Städte im Kathmandu-Tal. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz
: Lemma Religionsgeographie. In: Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe Ⅰ, S. 108–120
: Einführung in die Siedlungsarchäologie. Berlin, New York
et al.: Diercke-Wörterbuch der Allgemeinen Geographie. München, Braunschweig
: Mental Map and Ideology: Reflections of Subartu. In: H. Weiss (Hg.), The Origins of Cities in Dry-Farming Syria and Mesopotamia in the Third Millenium B. C.. Guilford, Connecticut
: Einführung in die Vorgeschichte. München
: Aktuelle Bedeutung der Religionsgeographie. In: Praxis Geographie 8/ , S. 4–9

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